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Die Tscheber waren wieder in Tscheb
von Steffi Klein, Eisenach (Schwiegertochter von Klein-Schneider aus Tscheb) Als wir im Sommer 2007 das erste Mal Tscheb besuchten, stand es für uns fest, dass wir uns noch einmal auf Spurensuche der Vorfahren unserer lieben Verstorbenen begeben und die Eindrücke vertiefen werden. Wir, das sind Schwiegersohn Jürgen Feuker und Schwiegertochter Steffi Klein der Eheleute Franz und Maria Klein (Klein-Schneider). Jürgen Feuker war mit der Tochter Adelheid verheiratet, die 1984 verstarb; ich, Steffi Klein war die Ehefrau von Norbert Klein, der 1994 verstorben ist. Wir sind also keine direkten Nachkommen der Tscheber. Die Einladung zur Reise nach Tscheb, dem heutigen Čelarevo, nahmen wir sehr gern an. Begleitet wurden wir von Lore Schmidt, der Lebensgefährtin von Jürgen Feuker und Udo Heyl, meinem neuen Partner. Wir kamen bereits am Samstag, dem 19. September in Stuttgart an und nutzten die Zeit, die Landeshauptstadt mit ihren Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Montag, 21. September Um 7.00 Uhr fanden wir uns am Busbahnhof ein und machten uns mit den ersten Reisegästen bekannt. An den Haltepunkten Busbahnhof Ulm, der Raststätte Augsburg-Ost, Odelzhausen, und der Autobahnraststätte Vaterstätten in der Nähe von München füllte sich nach und nach der Bus. Als alle 44 Reise-Teilnehmer komplett waren, begrüßte uns unser Reiseleiter Oswald Hartmann auf das herzlichste und wünschte uns eine gute Reise und eine schöne gemeinsame Zeit miteinander. Unser sympathischer Fahrer Manfred, der uns ab Ulm chauffierte, begrüßte uns ebenfalls mit netten Worten. Die A 8 war sehr stark befahren und wir bewegten uns teilweise nur sehr langsam vorwärts. Ein Stau war aufgrund der Baustellen nicht zu vermeiden. Am Rastplatz Chiemsee, unmittelbar am sogenannten „Bayerischen Meer“ gelegen, machten wir Pause und ließen uns die heißen Würstchen, dargereicht von Alexsandra Groh, schmecken. Leider war uns die wunderschöne Sicht auf die Chiemgauer Alpen verwehrt, da es sehr diesig war. Auch auf der weiteren Fahrt am Rande des Salzkammergutes ließen sich die Berge nur schemenhaft erkennen. Die Fahrt wurde genutzt, um sich gegenseitig kennenzulernen und eventuelle verwandtschaftliche Beziehungen festzustellen. Es war eine sehr fröhliche Atmosphäre und sehr interessant, den Gesprächen zu lauschen. Ich habe es richtig genossen, die mir so vertraute Sprache meiner Schwiegereltern wieder zu hören. Die Fahrt führte uns weiter über die Autobahn bis zur österreichisch-ungarischen Grenze, die wir zügig passierten. Gegen 20.00 Uhr erreichten wir Györ und fuhren zum Hotel „Raba“, einem Hotel mit westlichem Komfort. Das Abendessen war sehr schmackhaft. Wie in den meisten größeren Hotels in Europa war das Gericht leider nicht landestypisch, aber wir sollten später noch die Gelegenheit bekommen, die wunderbare ungarische Küche zu genießen! Die Stadt, am Zusammenfluss von Rába und Rábca gelegen, genannt auch Wasserstadt, konnten wir nicht erkunden, da wir alle sehr müde waren von der anstrengenden Fahrt. Dienstag, 22. September Die Abfahrt des Reisebusses in Richtung Budapest erfolgte gegen 8.00 Uhr. Auf der Autobahn angekommen, gab es Entspannungsübungen im Sitzen, angeleitet durch unsere „Trainerin“ Alexsandra Groh. Die kleinen Übungen, nur auf dem engsten Raum beschränkt, taten uns sehr gut und konnten vom einzelnen während der Fahrt immer wieder durchgeführt werden. Wir umfuhren die ungarische Metropole großräumig in Richtung Süden durch die Große Ungarische Tiefebene, vorbei an weit ausgedehnten gelben Maisfeldern, die bei dem herrlichen Sonnenschein sehr schön anzuschauen waren. Von der Pracht der Sonnenblumenfelder konnten wir leider nichts mehr sehen, da diese bereits verblüht waren. Zur Einstimmung auf den Besuch in Tscheb wurde ein Video-Film vorgeführt, den Otto Tschepella bei einem seiner Aufenthalte im Sommer 2006 in Tscheb aufgenommen hat und der alle Straßen nach dem Ortsplan von Seider Josef aufzeigte. Im Film wurden die ehemaligen Besitzer der Häuser aufgeführt. In der „Sóstói Csárda“, nahe der Kleinstadt Kiskunhalas gelegen und ca. 40 km von der ungarisch-serbischen Grenze entfernt, nahmen wir ein ausgedehntes Mittagsmahl ein, das jeder nach seinem Geschmack aussuchen konnte. Das Letscho, für das wir uns entschieden, war wunderbar. Wir verweilten etwa zwei Stunden an diesem Ort und konnten uns die Füße nach der langen Fahrt vertreten. Da wir uns nun der Grenze näherten, gab uns Oswald Hartmann Hinweise zum Verhalten am Grenzübergang. Wir passierten die ungarische Grenze bei Tomba ohne längeren Aufenthalt. Beim Übergang an der serbischen Grenze bei Kelebija traten Verzögerungen auf, so daß wir erst nach 45 Minuten weiterfahren konnten. Vielleicht hing es damit zusammen, daß wir in einen Staat einreisten, der noch kein Mitglied der EU ist. Unser Reiseleiter riet uns, am Grenzübergang Geld zu tauschen. Wir hatten noch einmal die Möglichkeit, uns ein Video über die Bordanlage anzusehen. Es zeigte den Besuch der Familie Geiger mit dem Eckmayer Adam in Tscheb. Wir näherten uns allmählich unserem Ziel. Am Horizont konnten wir die Bergkette der Fruska Gora erkennen. Wir fuhren über Novisad, ließen Futog liegen. Werden wir unser Ziel noch bei Sonnenuntergang erreichen? Oswald Hartmann machte zum Spaß aller einen kleinen Wettkampf daraus. Ist unser Bus schneller als die untergehende Sonne? Der Kampf endete unentschieden, denn die Sonne verschwand mit unserem Eintreffen langsam am Horizont. In Tscheb wurde ein Zwischenstopp eingelegt. Wir wurden von einer kleinen Delegation von Tschebern begrüßt. Die Personen, die für die Dauer des Aufenthaltes bei ihren Verwandten wohnten, verließen den Bus. Gegen 19.30 Uhr erreichten wir Bačka Palanka und wurden im Hotel „Fontana“, das für vier Tage unser Domizil sein sollte, herzlich mit Brot, Salz und Schnaps empfangen. Wir wurden bereits von den sechs Reiseteilnehmern, die per Flugzeug nach Belgrad geflogen und von Dusko Galonja abgeholt worden sind, erwartet. Nach unserem gemeinsamen Abendessen, das den meisten etwas gewöhnungsbedürftig erschien, suchten wir unsere Zimmer auf. Wir waren froh, nach der langen Fahrt endlich zur Ruhe zu kommen. Mittwoch, 23. September Um 8.00 Uhr nahmen wir unser Frühstück ein, das vom Deftigen bis hin zum Süßen alles bot und sehr reichhaltig und gut war. Bereits um 9.00 Uhr setzte sich unser Bus in Richtung Tscheb in Bewegung. Dieser Tag war allein nur Tscheb gewidmet! Um 10.00 Uhr fand der offizielle Empfang unserer Reisegruppe im Tscheber Gemeindehaus statt. Vor dem Gebäude wurde uns nach dem alten Brauchtum, das für Gastfreundschaft, Güte und Nachbarschaft steht, Brot, Salz und Schnaps gereicht. Im Foyer begrüßten uns der Bürgermeister Ratko Pokusevski und der Gemeindesekretär Dusan Kovacevic. Die Ansprache des Bürgermeisters wurde von Györgyi Damjanic, der Tochter von Maria Kis übersetzt, deren Inhalt im wesentlichen wie folgt wiederzugeben ist. „Meine Rede wird nicht lange dauern. Ich heiße Sie herzlich willkommen im Namen aller Bewohner und Bürger von Čelarevo und natürlich der Gemeindeverwaltung. Die Bürger von Čelarevo sind über Ihr Kommen informiert und werden Ihnen gern hilfreich zur Seite stehen. Wir sind überrascht, daß Sie in einer großen Zahl hier sind. Es ehrt uns – unsere Türen sind für Sie immer offen. Das war alles“. Im Anschluss wandte sich der Vorsitzende der HOG-Tscheb, Roland Groh in seiner Begrüßungsrede an die Anwesenden: „Sehr geehrter Herr Bürgermeister Pokusevski, sehr geehrter Herr Kovacevic, sehr geehrte Gemeindemitglieder von Čelarevo, sehr geehrte Anwesende, herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme hier bei Ihnen. Mein Dank geht an alle, die dazu beigetragen haben, diesen Empfang für unsere Reisegruppe zu gestalten. Namentlich möchte ich mich daher bei Herrn Bürgermeister Pokusevski, sowie dem gesamten Gemeinderat und allen Beteiligten bedanken. Ebenso möchte ich mich bedanken an dieser Stelle für die vielen Tätigkeiten zur Vorbereitung dieser Reise, die nun mal mit einem solchen Besuch verbunden sind bei: Annusch Mayer, Helen und Dusko Galonja sowie bei unserer Reiseleitung Herrn Oswald Hartmann. Tscheb ist wieder hier, wenn die Tscheber da sind! So stand es in einem Brief, den wir von einer Bewohnerin aus Tscheb erhalten haben. Bereits zum zweiten Mal sind wir seit 2005 hier mit einer Gruppe von 54 Personen. Schon 2005 waren wir, ja ich gestehe, sehr überrascht über den damals freudigen Empfang. Mit soviel Ehre hatten wir nicht gerechnet. Dies muß u.a. dazu beigetragen haben, dass viele Tscheber auf uns zukamen und gefragt haben: „Wann fahren wir wieder nach Čelarevo, nach unserem Tscheb?“ Insgesamt möchte ich Ihnen sagen, war vom damaligen Besuch ein sehr positiver Eindruck entstanden. Wie Sie vielleicht sehen können, ist unsere Gruppe jünger geworden. Beim letzten Mal waren noch viele dabei aus der sog. Erlebnisgeneration. Heute sind erfreulicherweise viele Junge dabei, also die Enkel der Erlebnisgeneration. Sie sind neugierig, was von alledem, was die Eltern oder Großeltern erzählt haben, noch da ist. Jeder hat sicherlich seine eigenen Bilder vor Augen. Jetzt besteht die Möglichkeit, in zwei Tagen nach diesen Bildern zu suchen, anzufassen, was Großeltern vielleicht auch berührt haben. Auf dem Boden stehen, auf dem einst ihre Vorfahren standen und tagtäglich gearbeitet haben, denn sie gehörten ja zu den fleißigen Schwaben. Aber auch diesmal sind Besucher dabei, die zur Erlebnisgeneration gehören und seit ca. 60 Jahren zum ersten Mal wieder hier sind. Für sie ist es ein ganz besonderes Erlebnis, die Heimat wieder zu sehen. Vielleicht entdecken wir ja noch einiges aus der Kultur, von der wir soviel gehört und gesehen haben. Denn wer in der Fremde leben musste, war ganz besonders darauf angewiesen, die Tradition zu pflegen, damit sie nicht verloren geht. Damit sie Eigenheiten hatten, die sie spüren ließen, wer sie selber sind. Die Heimat der „jungen Tscheber“, also der Nachkommen, ist dort, wo sie heute leben. Aber Kultur bleibt, wenn auch sonst alles vergessen ist, sagt ein japanisches Sprichwort. Wichtig ist für uns, die letzte Ruhestätte unserer Eltern, Großeltern und Ahnen zu besuchen und am Kriegerdenkmal eine Gedenktafel einzuweihen, die wir durch Ihre unbürokratische, schnelle und problemlose Hilfe installieren durften. Dafür bedanke ich mich im Namen der gesamten Heimatortsgemeinschaft Tscheb und der Tscheber in aller Welt herzlich. Wenn Sie wollen, sind Sie und natürlich ebenso die ganze Gemeinde Čelarevo herzlich eingeladen, an unserer Einweihung der Gedenktafel auf dem Friedhof in Čelarevo, die am Donnerstag stattfindet, teilzunehmen. Mit unserem Geschenk an Sie und an die Gemeinde Čelarevo möchten wir einen Beitrag zur historischen Dokumentation des alten Tscheb leisten. Wir besitzen einen Ortsplan des alten Tscheb, der von dem Maler Josef Seider, einem Tscheber, aus der Erinnerung aufgezeichnet wurde. Diesen Plan möchten wir Ihnen übergeben. Und was ist ein Dorfplan und ein Dorf ohne Bürgermeister? Daher meinen wir, sollte auch der letzte Bürgermeister aus Tscheb zusammen mit diesem Plan ebenfalls dargestellt werden. Ein Foto des letzten Bürgermeisters von Tscheb darf ich Ihnen daher auch überreichen. Eine Tscheberin, die in Deutschland lebt und in diesem Jahr 100 Jahre alt wurde, sagte mir kürzlich am Telefon: „Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, geh’ ich in Gedanken alle Gassen in Tscheb rauf und runter und sage mir, wer in jedem Haus gewohnt hat. Und wenn ich mal nicht mehr weiß, wer da gewohnt hat, frag’ ich am anderen Tag telefonisch bei anderen Tschebern nach!“ Liebe Tscheber und Nachkommen, lasst uns in den kommenden Tagen das tun, was diese 100jährige Tscheberin nachts oft tut: Hier im alten Heimatort die Gassen rauf und runter gehen... Herzlichen Dank für Ihr Zuhören“ Die Geschenke wurden mit Dank entgegen genommen. Die Rede wurde von Aranka Filipcic ins Serbische übersetzt. Den Besuchern war die Möglichkeit gegeben, in die Unterlagen des Ortsarchivs Einsicht zu nehmen. Nach dem offiziellen Teil begann unser Rundgang durch den Ort, um die ehemaligen Wohnstätten anzuschauen. Was bewegte die Menschen, die nach über 60 Jahren das erste Mal wieder in ihrer Heimat waren? Ein großer Teil hatte bereits die Gelegenheit gehabt, Čelarevo nach Verlassen der Heimat zu besuchen. Was empfanden die Nachkommen, die in Deutschland geboren wurden und nicht mehr der Erlebnisgeneration angehörten? Wir, die Angehörigen des Klein-Schneiders, schlossen uns einer kleinen Gruppe an und hörten aufmerksam den Erinnerungen an die Elternhäuser, die Schul- und Jugendzeit der ehemaligen Tscheber zu. Wir kamen auch an der ehemaligen Klein-Schneiderei vorbei. Wie zum Besuch vor zwei Jahren war niemand zu Hause. Wie gerne hätten wir uns Haus und Garten, die wir nur vom Erzählen kannten, angeschaut. Gegen 12.45 Uhr fuhr unser Bus in das Hotel zurück, um das Mittagessen dort einzunehmen. Bereits 14.30 Uhr traten wir die Rückfahrt nach Tscheb an. Die gesamte Reisegruppe wurde von Sveto Kačar in sein kleines Anwesen eingeladen. Wie vor vier Jahren ließ er es sich nicht nehmen, trotz seiner bescheidenen Verhältnisse die deutschen Gäste zu bewirten. Im hübschen Innenhof wurden wir von ihm und seiner Familie auf das herzlichste begrüßt. Ich möchte die Rede von unserem Gastgeber schwerpunktmäßig wiedergeben: Es sind mehr als 60 Jahre vergangen, seit Sie Čelarevo, Ihr Tscheb, verlassen haben. Die meisten von Ihnen sind vertrieben worden, ein Teil ist später freiwillig gegangen, nur ein kleiner Teil blieb da. Es waren schwere Zeiten, Kriegszeiten, die man nicht vergessen sollte. Aber wir sollen nicht nach Schuldigen suchen, nicht verurteilen. Das soll der Herrgott tun. Auch Jesus lehrte uns, dass wir verzeihen müssen, um mit reinem Herzen und reiner Seele vor Gott zu treten. Ihre Kinder und Nachkommen sollen von Ihnen vom schönen und vertrauten Leben der Deutschen vor dem Krieg in Tscheb erfahren, denn sie sind jetzt aufgerufen, Freundschaftsbrücken zu den jetzigen Bewohnern von Čelarevo zu bauen. Den meisten von Ihnen ist es bekannt, dass ihre Häuser von Einwanderern aus Bosnien bewohnt wurden. Sie konnten kaum etwas von Ihrem Schicksal wissen, es waren Leute ohne Hab und Gut, die aus dem vom Krieg schwer betroffenen Gebiet Bosniens gekommen sind. Das ist jetzt so hier bei uns, und wir müssen uns dem Aufbau einer besseren Zukunft zuwenden. Als kleines Kind wurde ich so erzogen, sowohl die Familie der Mutter und des Vaters zu ehren. Das habe ich auch getan, ging in die Kirche, lernte von den Nonnen Gebete, um das Gute vom Schlechten zu unterscheiden. Ich habe ihnen geholfen, als sie ins Altersheim kamen. Das hat mich angeregt, eine kleine Kapelle zu bauen, ein kleines Bethaus in meinem Hof zur Gesundheit und der Ehre Gottes und der Mutter Gottes zur Liebe. Vaters Seite, die Seite der Einwanderer aus Bosnien habe ich auch nicht vernachlässigt. 30 Jahre lang sammle ich ehrenamtlich ihre Gebräuche, Lieder, Volksspiele und Volkstrachten. Da meine Mutter zu Ihrem Volk gehörte, bin ich heute glücklich, Sie in mein bescheidenes Haus einladen zu dürfen. Das alles, was ich hier besitze, wurde mit Hilfe meines Onkels aus Reutlingen gebaut. Meine Mutter ist vor 15 Jahren gestorben und litt ihr Leben lang unter der Trennung von ihrer Familie und ihrem Volk, das nach Deutschland gezogen ist. Sie alle sind in meinen Gebeten. Von bosnischen Einwanderern lernten wir, gastfreundlich zu sein. Den alten Riten gemäß muss man die Gäste, auch wenn man selber nicht viel hat, mit feinster Miene empfangen und so bewirten, dass es ihnen immer in Erinnerung bleibt. Deswegen bemühte ich mich mit meinen Freunden und Nachbarn, Ihnen Strudel und Oblaten und Kuchen aus Ihrer Kindheit zu richten. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in meinem Heim und in Čelarevo. Er soll Ihnen in schöner Erinnerung bleiben und Sie sollen wissen, dass meine Tür für Sie immer offen ist. Herzlichst, Sveto Kačar und Familie. Nach Abschluß der Rede, die von Györgyi Damjanic geb. Kis übersetzt wurde, übergab der Gastgeber ein gesticktes Tuch und eine Flasche Slivovic in einem geschnitzten Holzbehälter an Roland Groh. Sveto Kačar, der auch gleichzeitig der Vorsitzende des Trachtenvereins ist, hatte eine kleine Ausstellung bosnischer Trachten in wunderschönen, leuchtenden Farben vorbereitet. Zwei Mädchen, ebenfalls im Trachtenkostüm, unterstützten ihn bei der Bewirtung. Diverse Getränke standen bereit; feinstes süßes und kräftiges Kleingebäck nach Donauschwäbischer Art wurde angeboten. Alles war Ausdruck einer großen und herzlichen Gastfreundschaft. Seitlich des Eingangs zum Anwesen stand die von Sveto Kačar errichtete und liebevoll ausgeschmückte kleine Kapelle, die zum Gebet einlud. Einige Besucher folgten der Einladung von Frau Damjanic, ihre Eltern zu besuchen. Wir hatten Frau Kis auf unserem letzten Besuch kennengelernt und wurden damals sehr herzlich empfangen. Auch hier wurden wir mit köstlichem Kuchen bewirtet. Wir schauten uns Fotos an. Bemerkenswert war eine Fotoserie von Herrn Kis, die er selbst aufgenommen hat. Stolz zeigte er uns sein kleines Paradies, einen kleinen Raum, in dem Erinnerungen an die Stationen seines Lebens zu sehen waren. Wir hätten gern länger den Erzählungen von Frau Kis und den Töchtern zugehört, aber es sollte nur ein kurzer Besuch sein. Bei dem herrlichen, hochsommerlichen Wetter setzten wir unseren Erkundungsgang durch Tscheb fort, vorbei am Kastell und durch den hübschen Gemeindepark in Richtung Kirche. Den Abend verbrachten wir in der „Riblja Čarda Saran“, einem Restaurant oberhalb der Donauinsel gelegen. Anwesend waren ebenfalls der Bürgermeister und Mitglieder der Gemeindeverwaltung von Čelarevo. Der Bürgermeister übergab ein Bild des Gemeindehauses von Čelarevo, gemalt von einem slowenischen Maler, an die Heimatortsgemeinschaft Tscheb. Roland Groh bedankte sich herzlich für das Geschenk. Unter den Klängen von Folklore und moderner Musik, die extra für uns aufgespielt wurde, ließen wir uns das Fischpaprikasch mit Beilagen und verschiedenen Salaten schmecken. Leider war es schon so dunkel, dass wir auf einen Spaziergang entlang der Donau verzichten mußten. Es war ein sehr geselliger und fröhlicher Abend. Spät am Abend brachte uns der Bus in unser Hotel zurück. Donnerstag, 24. September Der nachstehende Bericht über den Gottesdienst und die Einweihung der Gedenktafel wurde von Alexsandra Groh verfasst: Der Donnerstag begann mit dem Besuch in der Tscheber Kirche, die nach dem letzten Besuch im Jahre 2005 wieder mit Fenstern und ohne Tauben nutzbar war. Das vertraute Altarbild hieß alle willkommen. Jeder Winkel wurde erst mal inspiziert. Eine kleine Gruppe Sangeskräftiger übte die deutschen Lieder, die Annusch Mayer in Lautschrift aufgeschrieben hatte, um den Gottesdienst zu gestalten. Der donauschwäbische Pfarrer, Herr Pfeiffer, fand einfühlsame Worte in seiner Predigt und hielt gemeinsam mit dem örtlichen Pfarrer den Gottesdienst. Ein bewegender Moment war das "Ave Maria", gesungen von Stefanie Zillig. Selbst die Dankesworte des 1. Vorsitzenden, Roland Groh, standen noch unter diesem Eindruck. Annusch Mayer schloss den Gottesdienst mit den nachstehenden Grußworten: Liebe Landsleute, nun fällt mir wieder die Ehre zu, euch in der Heimatkirche zu begrüßen. Ich bemühte mich wirklich, alle Wünsche, die ihr geäußert habt, in eurem Sinne zu verwirklichen. Dieses Mal bin ich auf mich alleine gestellt, da mein Ehegatte als moralische Unterstützung und Frau Kis mit ihrem Rat ausfielen. Unsere deutsche Kirchengemeinschaft und auch die Deutschen im Allgemeinen sind auf eine sehr kleine Zahl, ganze 10 Personen, zusammengeschrumpft. Davon bin ich eine von den Jüngsten, was zur Folge hat, dass in ein paar Jahren die Deutschen in Tscheb ausgestorben sind. So ist der Lebenslauf und daran können wir nichts ändern. Ich will mich bei Herrn Pfarrer Pfeiffer bedanken, dass er wieder gewillt war zu kommen und die heilige Messe in deutscher Sprache zu halten. Nun wünsche ich euch für die Heimfahrt und auch für euer weiteres Leben Glück und Zufriedenheit. Behaltet uns in guter Erinnerung bis zum nächsten Mal, wenn es Gottes Wille ist. Auf Wiedersehen und adieu! Danach erfolgte die Einweihung des neuen Gedenksteins auf dem Tscheber Friedhof. Unterhalb des Kriegerdenkmals war die schöne (wenn man das in dem Zusammenhang sagen darf) schwarze Granitplatte mit dem Gedenkspruch in Deutsch und Serbisch angebracht. Die Reisegruppe gedachte der Verstorbenen mit einem Gebet, dem von Stefanie Zillig gesungenen Lied "Ich bete an die Macht der Liebe" und einem gemeinsam gesungenen Marienlied. Fortsetzung des Reiseberichtes von Steffi Klein: Unser Mittagessen nahmen wir in Restaurant „Studnja“ in Glozan ein, einem sehr gemütlichen und nett eingerichteten, kleinen Restaurant. Ursprünglich sollten wir mit Fischsuppe überrascht werden. Da aber unser Tag im Hotel Fontana ebenfalls mit Fischpaprikasch ausklingen sollte, wäre es einfach des Fisches zuviel gewesen. Unser Reiseleiter konnte es so regeln, daß uns ein sehr wohlschmeckendes Fleischgericht serviert wurde. Wir verweilten hier einige Zeit, was uns bei dieser Gastlichkeit nicht allzu schwer fiel. Unser nächstes Ziel war die Wallfahrtskirche Maria Schnee. Über Begec, Futog, Veternik und Novisad erreichten wir die Wallfahrtskirche. Die Tscheber pilgerten damals diesen Weg alljährlich in zwei Tagen mit Übernachtung in Futog und fanden sich am 5. August, dem Maria Schneetag, zum gemeinsamen Gebet mit anderen Pilgern ein. Vor der Kirche wurden wir bereits vom Kantor erwartet. Er berichtete uns über die Geschichte und Bedeutung der Kirche. Die Rede wurde von Oswald Hartmann ins Deutsche übersetzt. Hier an dieser Stelle stand eine im Mittelalter erbaute kleine Kapelle ohne Turm, die ein Pilgerort zu Ehren der heiligen Jungfrau wurde. Die Kapelle wurde nach Besetzung der Türken im Jahre 1526 zerstört. Während der Herrschaft der Türken wurde eine kleine Moschee mit Minarett errichtet. Nach der Vertreibung der Türken im Jahre 1687 verwandelten Jesuiten aus Petrovaradin die Moschee wieder in eine christliche Kapelle der Unbefleckten Empfängnis der heiligen Jungfrau. In die Kapelle stellten sie die Skulptur Mutter Gottes, die bis heute aufbewahrt ist und sich in der Krone des Altars befindet. Der Name der Kapelle Maria Schnee geht auf die Schlacht von Petrovaradin am 5. August 1716, dem christlichen Feiertag Maria Schnee, zurück. Unweit der Stelle hatte Prinz Eugen von Savoja in einem Kampf das mächtige Heer des türkischen Großwesirs Ali Pascha besiegt. Maria Schnee dient auch heute noch als Gebetshaus für Menschen verschiedener Herkunft und Sprache. Ein Höhepunkt beim Verweilen in der Kirche und eine große Überraschung für uns alle war, als plötzlich Stefanie Zillig, Tochter von Siegfried und Brigitta Zillig, Enkeltochter von Hans Fahr, gemeinsam mit dem jungen Kantor auf die Empore trat und mit ihrer wunderschönen vollen Stimme, begleitet auf der Orgel, „Ein schöner Tag ............“ nach der Melodie des alten schottischen Volksliedes „Auld lang syne“, sang. Manch einer wischte sich vor Ergriffenheit die Augen. Als würdigen Abschluß unseres Besuches in der Kirche spielte der Kantor das Donauschwabenlied auf dem Harmonium. Unser nächstes Ziel war Petrovaradin. Die Festung, oberhalb der Donau, auf einem Felsen der Fruska Gora erbaut, war die größte Festung Europas im 17. Jahrhundert. Gleichzeitig war sie die wichtigste Veste Österreich-Ungarns auf dem Balkan. Sie wurde nach Plänen des französischen Architekten Sébastien Le Prêtre de Vauban zwischen 1692 und 1780 erbaut. Sie erstreckt sich über ein Areal von 112 ha und verfügt über ein einzigartiges System von unterirdischen Gängen mit einer Länge von 16 km. Die Festung ist mit fünf Pforten, 12.000 Schießscharten und Orten für 400 Feldkanonen ausgestattet. Seit dem Jahr 2001 findet im Juli auf der Festung eines der größten Musikfestivals Südosteuropas, das Exit statt. Petrovaradin verfügt über eine Kuriosität, die im Volksmund „Besoffene Uhr“ genannt wird. Auf dem Zifferblatt der Turmuhr zeigt der kleine Zeiger die Minuten statt der Stunden an. So konnten die Schiffer auf der Donau aus der Ferne die Tageszeit besser sehen. Ihren lustigen Namen hat sie daher, da sie bei Kälte nachgeht und bei hohen Temperaturen vorgeht. Der ursprüngliche Turm wurde im 18. Jahrhundert zerstört, aber später wieder aufgebaut. Leider hatten wir auf Petrovaradin nur begrenzt Zeit zur Verfügung und mussten unseren Rundgang sehr einschränken .Von der Festung aus bot sich ein schöner Blick auf Novisad. Wir fuhren mit unserem Bus über die Donau, durchgequerten die Stadt und fuhren, wieder im Wettlauf mit der untergehenden Sonne und kommentiert von Oswald Hartmann, nach Tscheb zurück, um die dort Verbliebenen mitzunehmen. Leicht verspätet kamen wir im Hotel an. Im Hof des Hotels erwarteten uns die bereits brodelnden Kessel, gefüllt mit köstlich duftender Fischsuppe. Einige machten sich schon Gedanken darüber, ob es dem Gelingen des Fischpaprikasch gut tut, wenn es so heftig kocht! Alle Sorgen waren unbegründet, es schmeckte wunderbar. Begrüßt wurden wir mit einem Schnaps, den wir draußen tranken. Zum Essen ging es in das Hotel. Wir ließen den schönen Tag bei einem Bier, einem Glas Wein und netter Unterhaltung ausklingen. Freitag, 25. September Der heutige Tag war dem Gedenken der in den Internierungslagern umgekommenen Landsleute gewidmet. Erstes Ziel war das ehemalige Lager Jarek, das heutige Bački Jarak. Das Dorf Jarek wurde im Jahre 1787 von 80 evangelischen Familien mit ca. 300 Personen in der Batschka gegründet. Die Siedler kamen vorwiegend aus dem süddeutschen Raum, aus Hessen, der Kurpfalz, der Pfalz, dem Elsass, aus Baden und aus Württemberg. Im Oktober 1944 hatte der Ort knapp 2.000 Einwohner. Diese sind am 7. und 8. Oktober 1944 allesamt – bis auf wenige Ausnahmen – geflüchtet. Zurück ließen sie gefüllte Speicher, eine große Anzahl von Vieh in den Ställen. Ein ganzes Bauerndorf stand plötzlich leer und lud zu Plünderungen ein. Innerhalb weniger Wochen war der Ort ausgeplündert. Dieses verlassene Schwabendorf wurde auf der Grundlage der AVNOJ-Beschlüsse vom 21. November 1944 zum Sammellager für daheim gebliebene alte, kranke und arbeitsunfähige Donauschwaben und ihre Kinder. Es entwickelte sich zum Todes- und Vernichtungslager. Anfang Dezember wurden die ersten Landsleute aus verschiedenen in der Nähe gelegenen deutschen Dörfern eingeliefert und in die völlig leer geplünderten Häuser gesteckt. Insgesamt 17.000 Menschen lebten in diesem Todeslager; 6.400 verloren ihr Leben durch Hunger, Krankheiten, Kälte und Folter. 1946 wurde das Lager aufgelöst und die Überlebenden auf andere Lager verteilt. An diese grausame Epoche erinnert nur noch ein schlichtes Holzkreuz auf dem eingeebneten Gelände der abgerissenen Gebäude, auf dem heute das Unkraut wuchert. Wir gedachten der 151 Tscheber, die ihr Leben im Lager lassen mussten, mit den Worten, die Marianne Nachbar sprach: „Wir gedenken heute unserer Toten, ganz besonders aber gilt unser Gedenken denjenigen, die hier an dieser Stelle des Lagers Jarek umgekommen, verhungert sind, auf der Flucht erschossen wurden oder an den Folgen dieses Lageraufenthaltes verstarben, ihrer Menschenwürde und Menschenrechte beraubt wurden. Wir gedenken der vielen Mütter, die unterwegs ein Kind geboren haben, es an ihrer Brust trugen um dann feststellen zu müssen, dass es erfroren war, weil ihre eigene Wärme nicht ausgereicht hatte. Wir gedenken unserer Väter und Brüder, die oft im blinden Glauben für eine gerechte Sache zu kämpfen ihr Leben lassen mussten, als es noch gar nicht richtig begonnen hatte. Namentlich sind uns bekannt: Die 150 Namen der aus Tscheb Stammenden wurden von Alexsandra Groh, Stefanie Zillig und Michael Binnefeld vorgetragen. Am Schluss der Namensverlesung folgte eine Ergänzung von Roland Groh: „In den donauschwäbischen Dokumentationen sind die vorgenannten Namen bereits aufgeführt. In unsere Gedanken und in unser Gebet wollen wir auch die Tscheber mit einbeziehen, die namentlich nicht in der Dokumentation aufgeführt sind, weil sie nicht benannt wurden, weil uns keine Benachrichtigung erreicht hat. Namentlich möchten wir heute zwei weitere Sterbefälle aus unserem Ort Tscheb öffentlich erwähnen und dokumentieren: Stefan Reith, ein Kind von Anna und Josef Reith aus Tscheb wurde am 21. Februar 1943 in Tscheb geboren und ist am 26. Juli 1945 am Hungertod im Lager Jarek verstorben. Elisabeth Busch geb. Feineinsen, *am 9.Juni 1868 in Tscheb, seine Großmutter, ist am 16. September 1945 ebenfalls im Todeslager Jarek verhungert. Marianne Nachbar setzte die Rede mit bewegenden Worten fort:„Viele Kinder hatten nur eine Chance zum Überleben, wenn Großmütter, Großväter noch da waren, die sich ihrer annahmen. Sehr oft kostete das die Großeltern selbst das Leben, weil sie sich jeden Bissen vom Munde nahmen, um ihn den Kindern zu geben. Diesen Großmüttern und Großvätern wollen wir danken über den Tod hinaus und gedenken ihrer in besonderer Weise. Der Werschetzer Künstler Robert Hammerstiel aus der Batschka hat die Angst, die jeden Tag herrschte, so beschrieben: „Sie tragen sie weg, unsere Mutter, und sie laufen mit ihr und sie sucht mit den Händen in der Luft. Ich will sie ergreifen, kann aber nicht, denn meine Hände sind steif und in Lumpen gewickelt. Ich will schreien, Mutter, Mutter!“ So wollen wir unser Gedenken mit den Worten von Josef Elter, Priester und Bildhauer aus Kernei, schließen, die an einem von ihm geschaffenen Denkmal für die Gefallenen in der Wachau stehen: Wir denken an Euch,
wir mussten Euch zurücklassen in den Friedhöfen der verlorenen Heimat, auf den Wegen der Flucht, an den Wegrändern der Todesmärsche, in den Massengräbern der Vernichtungslager. Wir mussten Euch zurücklassen im Totenbezirk der Arbeitslager und auf den Feldern des Krieges. Wir kennen die Stätte Eurer letzten Ruhe sehr oft nicht, aber Ihr sollt nicht bleiben im Lande des Vergessens. Denn Gott hat Euch eine Stätte bereitet und schämt sich Eurer nicht. Eure Ehr’ zu wahren ist unser Vermächtnis, Ihr seid uns nahe, Ihr seid und bleibt unser. Die Ehrung der Toten wurde mit dem Ablegen eines Blumengebindes und einem Gebet beendet. Möge die Zeit der Vertreibung und des Unrechts auf der Welt ein Ende haben! Nachdenklich und sehr bewegt stiegen wir in unseren Bus. Wir fuhren in südliche Richtung durch das Gebirge Fruska Gora, das 1960 zum Nationalpark erklärt wurde. Der Park verfügt über die größten Lindenwälder Europas und ist durch seine vielfältige Flora und Fauna bekannt. Er beheimatet viele gefährdete und vom Aussterben bedrohte Tierarten wie Luchs und europäischen Mufflon. Fruska Gora ist für Wanderer ein Paradies. Im Nationalpark findet man noch über ein Dutzend mittelalterlicher serbischer Klöster. Gegen Mittag erreichten wir Sremska Mitrovica, am nördlichen Ufer der Save gelegen. Am Stadteingang wurden wir von Jovica Stević, einem jungen sympathischen serbischen Diplomingenieur, empfangen. Er ist Präsident des FC Radnicki und pflegt engen Kontakt zu den Donauschwaben. Wir fuhren hinter seinem PKW nach Hessendorf, dem heutigen Hesna, einer ehemaligen deutschen Ansiedlung, die überwiegend aus Hessen bestand. Hesna ist ein Vorort von Sremska Mitrovica. Die Stadt hat ca. 50.000 Einwohner und ist Bischofssitz. Mitrovica ist wohl auch der südlichste Punkt, der von den Donauschwaben besiedelt wurde. Nach der Begrüßung führte uns Herr Stević in eine kleine, unscheinbare Gaststätte, die sich durch eine sehr schmackhafte serbische Küche auszeichnete. Angeblich soll es hier den besten Slivovic Serbiens geben. Ob es der beste war, wissen wir nicht, aber er schmeckte nach unserer reichhaltigen Mahlzeit! Jovica Stević führte uns über das Gelände des ehemaligen Gefangenenlagers, von dem nur noch das Hauptgebäude steht. Seine erklärenden Worte über das ehemalige Lager, übersetzt von Oswald Hartmann, und auch der Umgang der jungen Generation mit dieser Problematik werden durch seine Rede, die er am 23. September 2007 vor den Donauschwaben in Sindelfingen hielt, noch vertieft. Er berichtete (auszugsweise): „Das Stadion des Radnički befindet sich neben der alten Seidenfabrik, der so genannten „Svilara" (der Seidenfabrik), heute ist dort eine Möbelfabrik. Während der Erdarbeiten bei der Rasen-Ausbesserung im Fußballstadion wurden viele Knochen von Menschen gefunden. Wir alle im Klub haben uns gefragt: Was ist das? Bei weiteren Abrissarbeiten auf dem Dachboden wurden Holzbalken mit Hunderten eingeritzten deutschen Namen gefunden. Von einigen der ältesten Mitgliedern des Klubs wurde uns dann erzählt, dass in der Seidenfabrik, der „Svilara" ein berüchtigtes Vernichtungslager für Deutsche aus Srem, der Batschka, des Banats aber auch aus Slawonien und einigen Orten Kroatiens eingerichtet war. Viele starben wegen Hunger, Krankheiten, Kälte aber auch durch Tötung und Folter. Es starben viele deutsche Kinder, Frauen und alte Leute. Viele Menschen der deutschen Minderheit wurden Todesopfer dieses Vernichtungslagers in der „Svilara" in Mitrowitz. Sie wurden in Massengräbern auf dem Gelände des heutigen Sportplatzes von Radnički oder auch zum Teil in dem 200 Meter entfernten jüdischen Friedhof begraben. Jeden Tag haben wir eine neue traurige Geschichte über das Leiden der Donauschwaben aus dieser Zeit gehört. Ich, als jüngerer Serbe, fragte mich öfters: Was ist mit den vielen Deutschen geschehen? Es gab viele Fragen, aber zu wenig oder gar keine Antworten. Alles wurde geheim gehalten und die Leute, die etwas darüber wussten, wollten nicht darüber sprechen oder sprachen aus Angst um ihr eigenes Leben nicht darüber. Das ist auch heutzutage noch so! Dies wurde auch im Buch „Preovladavanje prošlosti u Vojvodini" - „Vergangenheitsbewältigung in der Wojwodina von Universitätsprofessor Dr. Vladimir Ilić aus Beograd so festgestellt . Professor Ilić besuchte mehrere Dörfer in der Wojwodina und sprach mit den Dorfbewohnern, um zu erfahren, wie die Leute über das Leiden, besser gesagt die Verfolgung der Deutschen denken und was sie darüber wissen. Das Schicksal und der Leidensweg der Deutschen war ja als Gesprächsthema ein Tabu“. Wir fuhren zum Friedhof der Stadt Sremska Mitrovica, um die Gedenkstätte aufzusuchen. Das Denkmal wurde im katholischen Teil des Friedhofs als Zeichen der Erinnerung an die Donauschwaben errichtet, die im Internierungs- und Zwangsarbeitslager vom August 1945 bis Mai 1947 umgekommen sind. Das Denkmal wurde am 20. September 2008 eingeweiht. Der links vom Kreuz aufgestellte Stein trägt folgende Inschrift: „Dieses Gedenkkreuz erinnert an unsere Donauschwäbischen Mitbürger, die im Internierungs- und Arbeitslager „Svilara“ in Sremska Mitrovica ums Leben gekommen sind.“ Der rechte Stein trägt die Inschrift in serbischer Sprache. Wir ehrten die Toten auf gleiche Weise wie im Lager Jarek. In diesem Todeslager waren drei Tscheber Landsleute zu beklagen. Unser Bus brachte uns am Abend wieder in das Hotel zurück. Uns blieb wenig Zeit, da um 19.30 Uhr das Volkskunst- und Volkstanzensemble Kosta Abrasevic aus Bačka Palanka erwartet wurde. Das Ensemble wurde 1976 gegründet und gewann mehrfach Preise bei Wettbewerben. Die Künstler verschiedener Altersgruppen boten uns einen bunten Reigen aus folkloristischen Tänzen, die vor Lebensfreude sprühten. Temperamentvolle Tänze in farbenprächtiger serbischer Tracht lösten einander ab. Das halbstündige Programm war ein Augen- und Ohrenschmaus für uns Zuschauer und wurde mit kräftigem Applaus belohnt. Samstag, 26. September Unser Abreisetag war gekommen. Nach dem Frühstück, das wir noch einmal mit seiner Vielfalt genossen, nahmen wir Abschied vom Hotel „Fontana“, in dem wir sehr gut untergebracht waren. Wir fuhren noch einmal nach Tscheb, um uns von den Tschebern zu verabschieden, ihnen ein letztes Mal zuzuwinken. Noch ein letzter Blick auf Čelarevo und der Ort verschwand in der Ferne. Vorbei an unendlichen Maisfeldern, die im Sonnenschein goldgelb leuchteten, fuhren wir durch die westliche Bačka über Sombor nach Gakovo. Hier befand sich das Internierungslager, in dem auf grausame Weise 8.500 Donauschwaben umgekommen sind. Am Gedenkkreuz, das sich neben dem Lagermassengrab befindet, legten wir ein Gebinde nieder und gedachten der Toten mit den Worten, die Frau Nachbar sprach und einem Gebet. In diesem Lager kamen sieben Tscheber um, deren Namen von Alexsandra Groh verlesen wurden. Das Gedenkkreuz wurde am 22.05.2004 eingeweiht und trägt folgende Inschrift: „Hier ruhen unsere donauschwäbischen Mitbürger. Sie werden für immer in unseren Herzen sein. Mit der Errichtung des Kreuzes gedenken wir ihrer in Würde und Ehrfurcht. Die Donauschwaben stammen von den Kolonisten ab, die im 18. Jahrhundert von den Habsburgern in der Pannonischen Ebene angesiedelt wurden. Das Lager Gakovo bestand von März 1945 bis Januar 1948. Die Donauschwaben, Gakovo 2004“ Die Inschrift ist in Serbisch, Kroatisch, Ungarisch und Englisch verfasst. Sehr berührt verließen wir den Ort, an dem Tausende von Donauschwaben qualvoll den Tod fanden. Wir setzten unsere Fahrt in Richtung Grenze fort, vorbei an Subotica, der zweitgrößten Stadt der Wojwodina. Oswald Hartmann erzählte uns, daß hier der größte Flohmarkt der Wojwodina stattfindet. Am Grenzübergang Horgos verließen wir Serbien. Wir passierten die Grenze ohne längeren Aufenthalt und setzten unsere Heimreise durch Ungarn fort. Um nicht allzu viel Zeit zu verlieren, schlug unser Reiseleiter vor, das Mittagessen nicht in einer Csarda, sondern in einer Autobahn-Raststätte einzunehmen. Die so gewonnene Zeit könnte man für einen Bummel durch die Stadt Györ nutzen. Der Vorschlag wurde angenommen und so ließen wir uns in einem kleinen Selbstbedienungsrestaurant die Gulaschsuppe schmecken. Man war auf solchen Andrang kaum gefasst, und die Bedienung nahm einen großen tiefgefrorenen Beutel nach dem anderen aus dem Gefrierschrank. Das Gulasch war sehr schmackhaft. In den späten Nachmittagsstunden erreichten wir unser Hotel in Györ. Bei noch herrlichem Sonnenschein bummelten wir durch die überschaubare Altstadt mit ihren engen Straßen. Nach dem Abendbrot verweilten wir noch bei netter Unterhaltung im kleinen Kreis im Gastraum des Hotels. Für mich war es sehr interessant, da ich auf diese Weise einen noch tieferen Einblick in das Leben meiner Schwiegereltern im damaligen Tscheb bekam. Sonntag, 27. September Gegen 7.00 Uhr starteten wir zur Heimreise. Die Überfahrt am Grenzübergang Bruck nach Österreich war problemlos. Vorbei am sich flächenmäßig weit ausdehnenden Wien fuhren wir über die Autobahn in Richtung Salzburg. Die nächste Rast machten wir am Mondsee im Salzkammergut. Der Mondsee mit seiner Länge von 12 km gilt als der wärmste See in Oberösterreich. Vom Rastplatz aus bot sich ein sehr schöner Blick auf den See und das Bergmassiv der Drachenwand. In der äußerst niveauvoll eingerichteten Raststätte stärkten wir uns und setzten die Fahrt in Richtung Deutschland fort. Am Chiemsee hatten wir letztmalig einen Blick auf die Alpen, und weiter ging es in Richtung München. Wie auf der Hinfahrt fuhren wir, natürlich in umgekehrter Reihenfolge, die Stationen Autobahnraststätte Vaterstätten, Odelzhausen, Raststätte Augsburg-Ost sowie die Busbahnhöfe Ulm und Stuttgart an. Es lagen unvergessliche Tage hinter uns, die wir als fröhliche und harmonische Reisegruppe bei schönstem Wetter in Tscheb verbrachten. Wir haben die Gastfreundschaft der in Čelarevo lebenden Menschen genossen und viele Eindrücke gewonnen. Unvergessen wird der Besuch in den Lagern Jarek, Mitrovica und Gakowa sein, den Schauplätzen des Völkermordes. Quellen: - Internet-Recherchen - Rede von Jovica Stević am 23. September 2007 in Sindelfingen www.donauschwaben.net www.hog-jarek.de Anmerkung der Verfasserin des Berichtes: Wir, unsere kleine Gruppe aus Eisenach, verweilten noch zwei Tage in Ulm. Um das gesamte Bild der Geschichte der Donauschwaben für uns noch abzurunden und zu vertiefen, besuchten wir das Ahnen-Auswanderer-Denkmal am Donauschwabenufer, das die Auswanderung und Vertreibung der Donauschwaben symbolisiert. Wir lasen die Inschriften: „VON ULM AUS ZOGEN DEUTSCHE SIEDLER IM 18. JAHRHUNDERT AUF DER DONAU NACH DEM SÜDOSTEN EUROPAS; IHRE NACHFAHREN KEHRTEN, VOM SCHICKSAL AUS IHRER HEIMAT VERTRIEBEN, IN DAS LAND IHRER VÄTER ZURÜCK.“ „EINIGE TAUSEND ÜBERLEBENDE RÜCKKEHRER WANDERTEN AUS NOT UND VERZWEIFLUNG IN ANDERE EUROPÄISCHE LÄNDER UND ÜBERSEE AUS: SO ZERSTREUTEN SICH DIE DONAUSCHWABEN ÜBER DIE GANZE WELT UND WURDEN ÜBERALL GEACHTETE BÜRGER. AUCH IHNEN SEI IN EHREN GEDACHT.“ Wir schauten uns die nur wenige Meter vom Denkmal entfernten, an der historischen Stadtmauer angebrachten Bronze-Gedenktafeln der donauschwäbischen Ortsgemeinden an. Diese Tafeln erinnern ebenso an das Schicksal der Donauschwaben. Uns hat auch dieser Besuch viel gegeben, da er uns geholfen hat, ein noch besseres Verständnis der Geschichte der Vorfahren unserer lieben Verstorbenen zu erlangen. Steffi Klein Eisenach, 27. Oktober 2009 |
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